Beginn einer epischen Bahnreise
Zuerst ein paar Daten über den INDIAN PACIFIC:
Bahnreisen über die ganze Breite Australiens wurden schon vor über hundert Jahren ermöglicht.
Zu Beginn des 20. Jhdt war Westaustralien eine isolierte Kolonie, die dringend eine Anbindung an die
anderen Staaten Australiens brauchte und außerdem einen sicheren Weg, das Gold zu transportieren,
das in Kalgoorlie und Umgebung abgebaut wurde. Der Erste Weltkrieg beschleunigte den Ausbau der Ost-West Verbindung,
die schließlich 1917 fertiggestellt war.
Wenn damals jemand von Sydney nach Perth reisen wollte, musste er mindestens acht mal umsteigen,
weil jeder einzelne Streckenabschnitt sein eigenes Bahnsystem hatte, mit eigenen Lokomotiven, eigenen Waggons --- und eigener Spurweite!
Erst 1970 wurde die Spurweite standardisiert. Der Indian Pacific war der erste Zug, der im Februar 1970 die Strecke als Hotelzug in einem Stück durchfuhr. Seitdem fährt er die Strecke Sydney-Perth wöchentlich. Eine Woche hin, die nächste Woche zurück.
Strecke: 4.352km, Zuglänge: 665m, 30 Waggons.
Heute ging es also morgens mit dem Taxi zu einem bestimmten Bahnhof in Perth,
wo wir zwischen eins und drei beim Indian-Pacific einchecken sollten.
Als wir am
Sonderschalter der Asian-Pacific eingecheckt hatten, wurden wir zum überdachten
Bahnsteig geleitet, wo sehr viele Tische und Stühle bereitstanden für eine
Welcome Party, die nach und nach auf Hunderte von Leuten anwuchs. Auch hier
trafen wir auf bekannte, nette Gesichter, die wir schon von der Cruise her
kannten. Die Stimmung erreichte mit MTM ( Musi, Trink und Mampf) sehr schnell wieder das fröhliche Niveau, dass so
offensichtlich zu Australien gehört wie das Känguru. – Und es waren noch zwei
Stunden bis zur Abfahrt des Zuges! - Welchen Zuges? Wir saßen alle vor einem
interessanten, aber doch leeren Gleis!
Dann endlich
kam er leise und im Schritttempo herangerollt und - hörte gar nicht mehr auf.
Als er endlich etwa mittig vor uns stand, war weder Anfang noch Ende des Zuges in der Ferne zu sehen.
665 m lang, 30 Waggons, gezogen von einer einzigen dieselelektrischen Lokomotive im Monster Format. Das
hatte ich mir nicht vorstellen können.
Zu beiden Seiten unserer Partyzone
entstand nun viel Leben an dem Zug, denn er war tatsächlich in diesem Moment erst
aus Sydney angekommen, mit lächerlichen 15 Minuten Verspätung nach über 4350km, das
schafft manch deutscher ICE bis nach Augsburg!
Bis zu
unserer Abfahrt durften wir eine weitere Stunde bei MTM ‚ausharren‘, denn jetzt
mussten zunächst die eben angekommenen Passagiere aussteigen, und der Zug für
die 5-tägige Rückreise vorbereitet werden. Allein die Organisation dieses "Room Service"
auf 600m mag man sich nicht vorstellen. Es rückte ein Bataillon von Putzleuten
an, bewaffnet mit unzähligen Staubsaugern, Eimern und Müllsäcken, die die Abteile
reinigten, Betten bezogen und die Badezimmer mit frischen Handtüchern
versorgten. Andere putzten sämtliche Fenster von außen.
Dann wurden
an bestimmten Stellen Rampen bereitgestellt, und junge Damen mit braunen Cowboy-Hüten
im Aussie-Look wiesen uns zu unseren Abteilen. Wir waren begeistert, wie
perfekt und entspannend alles organisiert war. Wir machten die Tür zu unserem
„Gold“ Abteil auf --- und bekamen eine ausgesprochene Schnappatmung. Schön zwar,
dass unser Koffer schon im Abteil bereitstand, aber er war zugleich auch Teil unseres Schreckens.
Auf unserer
bisherigen Reise haben wir uns gerne an Suiten von mindestens 30qm gewöhnt, und
nun stand da ein Koffer, der die Hälfte unseres Abteils in Anspruch nahm!
Anstatt „Platin“, das ausgebucht war, haben wir „Gold“ gebucht. Da gibt es
nicht das Doppelzimmer, das gern im Prospekt gezeigt wird, sondern eine 3-sitzige Bank, die nachts in zwei
Etagenbetten übereinander verwandelt wird, links davon ein großes Fenster mit Klapptischchen und
gegenüber die Tür zu Bad, Dusche und Toilette in Einem. Rechts daneben noch der
Einbauschrank, der angesichts unseres Koffers zu Puppenhaus-Dimensionen
schrumpfte.
Aber wir
haben uns doch bald von diesem Schrecken erholt und versuchten unser Geraffe unter Zuhilfenahme jeder kleinsten Nische und Ablage
unterzubringen. Zum Aufhängen musste jede hervorstehende Schraube oder Kante
als Haken missbraucht werden, denn es gab nur vier Kleiderbügel im Schrank –
und ich allein hatte schon vier Saccos dabei, weil wir ja an vier Abenden mit
den gleichen Leuten im Restaurant und im Salonwagen sitzen würden, da wollte
ich nicht immer das Gleiche anhaben.
Aber mit der nötigen Kreativität und Geduld haben wir alles untergebracht,
und sogar noch Platz für den leeren Koffer gefunden.
Aber die
Frage der Garderobe war auch so ein Trugbild, das ich aus dem Prospekt mitgenommen hatte! Und so erschienen die zwei
einzigen Europäer ordentlich gekleidet zum unserem ersten Dinner, während rings um uns herum
in den stilvollen Waggons ein unglaublich brutaler Aussie-Look vorherrschte: Barfuß in
Badelatschen, T-Shirts, Baseball-Käppis, nackte Arme und Schultern gerne auch
tätowiert und unter den kurzen Schlabberhosen zeigte man stolz seine Bandagen,
Krampfadern und andere medizinische Probleme. So erschienen sie tatsächlich zum 5-gängigen, eleganten Dinner! Wir nannten sie
Unterhosen-Cowboys, denn es waren vorwiegend die Männer, die irgendetwas beim
Dresscode nicht verstanden hatten. Uns, und wohl auch die Crew, hat das sehr
geärgert, denn wir bekamen von denen ausdrückliche Komplimente für unser Aussehen!
Aber so viel
im Voraus: es blieb bei diesen zwei Ärgernissen für die nächsten Tage. Von
jetzt an gibt es nur noch Schönes zu berichten! – und Lustiges: In diese
Kategorie gehört auch unser späteres Zu-Bett-Gehen. Aber noch rumpelten wir durch eine unendliche Finsternis mit blassem Mondlicht,
ohne auch nur das kleinste Licht, als Zeugnis menschlicher Besiedelung, zu entdecken. Wir waren schon im tiefen Outback, den Nullarbor Plains.
Als wir nach
dem ausgezeichneten Dinner in den Salon-Wagen nebenan gingen, fanden wir unsere
„Zellennachbarn“ bei guten Drinks und lustigem Plausch und gesellten uns dazu.
Und wieder: Oh, Munich, Bavaria, Hofbräuhaus, Oktoberfest...
Organisiert
ist der Zug prima. Nach jeweils drei Waggons mit Hotelzimmern, sind hintereinander ein
Salon-, ein Restaurant- und ein Küchenwaggon gekoppelt, mit den
entsprechenden Kapazitäten für die Abteile. So sind die Wege in den schwankenden Gängen kurz,
und es gibt keine Gedränge im Salon oder Restaurant.
Zurück in
unserem Abteil, hatte die Crew schon unsere Betten aufgeklappt und an der Fensterseite eine stabile
Leiter für das obere Bett angebracht. Im Bad funktionierte alles, sogar die
Dusche war optimal, eine gewisse Körperbeherrschung allerdings vorausgesetzt.
Der Zug fuhr eigentlich nicht sehr schnell. Er bot uns aber ein
gewaltiges Klangorchester, das auch einen Eisenbahn-Fan wie mich herausforderte. Gundi
versuchte mit extra starken Ohrstöpseln, ich (einfacher) mit der Herausnahme
der meinen, den Geräuschen etwas zu entgehen. Schwieriger wird es werden, sich mit den chaotischen Bewegungen des Part de deux von Rad und
Schiene zu arrangieren, der zeitweise den Verdacht aufkommen ließ, als seien die
Räder achteckig! Das versprach eine wilde Nacht zu werden! (Reumütige Gedanken
an den gescholtenen ICE beschlichen uns.)
Und so
krabbelten wir in unsere Betten, ich hatte zuvor noch die Herausforderung, den
Aufstieg nach oben zu meistern, der mir, einem vollgefressenen Koala gleich,
doch gut gelang, wenn man davon absieht, dass ich auf statt unter der Bettdecke zu liegen kam, und es gar nicht einfach war, mich auf dem schmalen Bett drunterzuwurschteln.
Ich habe ja noch viermal die Gelegenheit, den Prozess zu verbessern...